Hallo A.,
ich
weiß nicht genau, wie viele Jahre vergangen sind, als wir das letzte Mal
geschrieben haben. Es muss aber irgendwann 2013 oder 2014 gewesen sein. Ein
Jahr später habe ich dir wieder eine E-Mail mit einem Update zu meinem Leben
geschrieben, du hast nie geantwortet. Ich gehe davon aus, dass du die Mail nie
geöffnet hast, weil du wohl vergessen hast, dass dieser Mailaccount existiert
und du ihn nur angelegt hattest, um mit mir zu schreiben. Das ist nicht
schlimm, weil ich eigentlich schon immer davon ausgegangen bin, dass A. nicht einmal dein richtiger Name ist.
Ich
gehe auch davon aus, dass du diese Nachricht nie lesen wirst und es ist ein
komisches, doch trotzdem angenehmes Gefühl, das hier zu schreiben. Du warst
eine wichtige Figur meiner Jugend und hast meine Entwicklung über mehrere Jahre
hinweg verfolgt. Ich kann verstehen, dass du irgendwann keine Lust mehr
hattest, dich mit der zickigen 15 Jährigen zu befassen, obwohl du immer betont
hast, dass du den Kontakt zu mir, trotz meiner Stimmungsschwankungen, genossen
hast. Vielleicht aber hast auch du dich sehr verändert und konntest irgendwann
keine Zeit mehr für mich aufbringen. Das ist nicht schlimm. Ich hoffe, du bist zufrieden in deinem Leben.
Was
soll ich sagen. Ich bin nicht mehr die 15 Jährige Ana. Es ist 2019 und ich
wurde dieses Jahr 22. In der Zwischenzeit ist viel passiert. In meinem Leben
und in meiner Familie. Ich habe viel dazugelernt und bin etwas ruhiger
geworden. Ein bisschen vermisse ich die aufgedrehte, lustige Ana, doch meinen
E-Mails nach zu Folge war ich wohl ein sehr anstrengendes Kind. Vor zwei Jahren bin ich umgezogen und wohne seitdem in meiner eigenen Wohnung. Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen, mein Abitur nachgeholt und studiere jetzt Kommunikationswissenschaft und noch andere Fächer, die aber viel zu kompliziert auszusprechen und zu erklären sind. Ich liebe
immer noch Deutsch, Englisch und neuerdings spreche ich auch Französisch und Persisch. Ich
hasse immer noch alle Naturwissenschaftlichen Fächer.
Ich
habe vor zwei Wochen, nach einer Pause von fast fünf Jahren, wieder einen Text
geschrieben. Ich lese auch wieder mehr Bücher und treffe mich wöchentlich
mit meinen neuen Freunden, die ich an der Oberschule gefunden habe, zu einem
Literaturkreis. Wir lesen uns dort gegenseitig aus unseren Lieblingsbüchern und
Kurzgeschichten vor. Dazu trinken wir Weißwein.
Ich
werde keine Gegenfragen stellen, weil ich sonst erwarten müsste, eine Antwort
zu bekommen.
Gute
Nacht, Ana.