Mittwoch, 16. Oktober 2019

Brief an A.


Hallo A.,
ich weiß nicht genau, wie viele Jahre vergangen sind, als wir das letzte Mal geschrieben haben. Es muss aber irgendwann 2013 oder 2014 gewesen sein. Ein Jahr später habe ich dir wieder eine E-Mail mit einem Update zu meinem Leben geschrieben, du hast nie geantwortet. Ich gehe davon aus, dass du die Mail nie geöffnet hast, weil du wohl vergessen hast, dass dieser Mailaccount existiert und du ihn nur angelegt hattest, um mit mir zu schreiben. Das ist nicht schlimm, weil ich eigentlich schon immer davon ausgegangen bin, dass A. nicht einmal dein richtiger Name ist.
Ich gehe auch davon aus, dass du diese Nachricht nie lesen wirst und es ist ein komisches, doch trotzdem angenehmes Gefühl, das hier zu schreiben. Du warst eine wichtige Figur meiner Jugend und hast meine Entwicklung über mehrere Jahre hinweg verfolgt. Ich kann verstehen, dass du irgendwann keine Lust mehr hattest, dich mit der zickigen 15 Jährigen zu befassen, obwohl du immer betont hast, dass du den Kontakt zu mir, trotz meiner Stimmungsschwankungen, genossen hast. Vielleicht aber hast auch du dich sehr verändert und konntest irgendwann keine Zeit mehr für mich aufbringen. Das ist nicht schlimm. Ich hoffe, du bist zufrieden in deinem Leben.
Was soll ich sagen. Ich bin nicht mehr die 15 Jährige Ana. Es ist 2019 und ich wurde dieses Jahr 22. In der Zwischenzeit ist viel passiert. In meinem Leben und in meiner Familie. Ich habe viel dazugelernt und bin etwas ruhiger geworden. Ein bisschen vermisse ich die aufgedrehte, lustige Ana, doch meinen E-Mails nach zu Folge war ich wohl ein sehr anstrengendes Kind. Vor zwei Jahren bin ich umgezogen und wohne seitdem in meiner eigenen Wohnung. Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen, mein Abitur nachgeholt und studiere jetzt Kommunikationswissenschaft und noch andere Fächer, die aber viel zu kompliziert auszusprechen und zu erklären sind. Ich liebe immer noch Deutsch, Englisch und neuerdings spreche ich auch Französisch und Persisch. Ich hasse immer noch alle Naturwissenschaftlichen Fächer. 
Ich habe vor zwei Wochen, nach einer Pause von fast fünf Jahren, wieder einen Text geschrieben. Ich lese auch wieder mehr Bücher und treffe mich wöchentlich mit meinen neuen Freunden, die ich an der Oberschule gefunden habe, zu einem Literaturkreis. Wir lesen uns dort gegenseitig aus unseren Lieblingsbüchern und Kurzgeschichten vor. Dazu trinken wir Weißwein.
Ich werde keine Gegenfragen stellen, weil ich sonst erwarten müsste, eine Antwort zu bekommen.
Gute Nacht, Ana.

Samstag, 30. Juni 2018

Einer unter Tausend

Die Mittagssonne steht gerade an ihrer höchsten Stelle, als ich mein Fahrrad über die niedrige Bordsteinkante lenke und den Parkplatz eines Markendiscounters erreiche, der auch noch eine Woche nach dem WM-Aus mit Deutschlandfahnen wirbt. Als ich mein Fahrrad absperre, schaue ich aufgeregt über meine linke und meine rechte Schulter. Eine Frau, die wenige Meter neben mir gerade einen Einkaufswagen aus der langen Schlange bugsiert, mustert mich dabei interessiert. Ich muss verdächtig aussehen, wie ich mich immer wieder umdrehe und alles um mich herum auf dem Parkplatz beobachte. Doch was die Frau nicht weiß ist, dass ich gerade diejenige bin, die nach etwas Verdächtigem Ausschau hält.

Ich trage ein weißes T-Shirt und die gleiche schwarze Hose wie am Freitag. Ich war gestern Abend nicht mehr in der Lage gewesen, sie zum Schlafen auszuziehen und wenn ich ehrlich bin, hatte ich heute Morgen auch nicht die Kraft, mich umzuziehen. Aber ich mag diese Hose. Sie ist lang genug, um sie für die Schule tragen zu können und kurz genug, um meine Beine bei der Hitze von 26 Grad nebenbei zu sonnen. Aber auf gar keinen Fall rechtfertigt ihre Kürze das, was mir gestern Abend passiert ist.

Ich betrete den Laden ohne ein richtiges Ziel im Kopf. Ich habe weder Lust, einkaufen zu gehen, noch sonderlich Hunger, obwohl ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Mein Appetit war mir seit dem gestrigen Abend vergangen. Ich lande schließlich in der Reihe mit Tiefkühlpizzen und halte nach einer vegetarischen Variante Ausschau. Natürlich nicht, ohne mich dabei immer wieder hektisch umzudrehen, um alle anwesenden Kunden zu inspizieren. Ich entscheide mich schließlich für eine Pizza, dessen Verpackung aussieht, als hätte sich die zuständige Marketingabteilung auf die Fahnen geschrieben, die italienischste Verpackung zu designen, die es auf dem ganzen Pizzamarkt gibt. Bei dem Gedanken daran muss ich schmunzeln und begebe mich zur Kasse. Als der junge Kassierer meine Ware einscannt und ich meine Tasche öffne, fällt mir nicht zuerst mein Geldbeutel ins Auge, sondern ein Schraubenzieher. Sein Griff ist mit lodernden, orangen Flammen verziert. Ich hatte mich extra für den mit dem Schlitz entschieden, weil mir die Klinge schärfer erschien, als die eines Kreuzschraubenziehers. Mein Vater hatte ihn mir im Herbst zu meinem Einzug mit den Worten „Falls du mal einen Schrank aufbauen willst“ geschenkt und ich habe ihn dankend angenommen, obwohl ich mir in dem Moment sehr sicher war, dass ich ohne seine Hilfe sowieso nie in der Lage wäre, einen Schrank aufzubauen. Doch eher hätte ich erwartet, dass ich mit diesem Schraubenzieher alleine ein Möbelstück zimmern würde, als dass ich ihn jemals dafür benutzen würde, um jemanden abzustechen. Doch so ändert sich alles.

„Den Kassenzettel brauchen Sie nicht, oder“ reißt mich der Kassierer aus meinen Gedanken. Als ich wieder den Heimweg antrete, achte ich auf jedes einzelne Auto, das auf der Straße neben mir entlangfährt. Bei jedem roten Audi, blauen Ford oder schwarzen BMW atme ich erleichtert auf. Erleichtert, dass es nicht der weiße, riesige Kastenwagen von gestern ist, der sich mir am Vorabend auf genau dieser Straße in den Weg gestellt hat, um seine Ladefläche zu öffnen und neben seinem Auto auf mich zu warten, um mich schließlich in ein Gespräch zu verwickeln.

Ich wähle heute bewusst genau diesen Weg, um mich meiner Angst zu stellen. Ich bin seit dieser Begegnung mit dem fremden Mann vielleicht übervorsichtig, doch ich bin auch stur. Ich will niemandem die Kraft geben, mir den Spaß am Fahrrad fahren und spazieren gehen zu nehmen. Ich wähle heute bewusst genau diesen Weg, um mir klarzumachen, dass er normalerweise sehr sicher ist. Dass hier täglich tausende Autos vorbeifahren, deren Fahrer nicht die Absicht haben, mich in ihren Kofferraum zu zerren. Dass das, was mir gestern passiert ist, ein Ausnahmefall war. 
Einer unter Tausend. 

Donnerstag, 28. Juni 2018

Der perfekte Mensch, oder auch: What would Ali do?

Es ist kurz vor 18 Uhr, als Amandine und Aïtana an meiner Tür klingeln. Wir schwingen uns auf unsere Fahrräder und radeln durch hohe Gräser und ein kleines Waldstück, als wir schließlich an unserem Ziel ankommen. Wir stehen vor dem großen, mit Glas verkleideten Gebäude und begeben uns auf die Suche nach Raum C.025. Langsam füllt sich nach uns der größte Hörsaal in Deutschlands kleinster Hochschule und wir nehmen in einer der vordersten Reihen Platz. Vor uns ist eine kleine Runde mit Stühlen aufgebaut, auf der sich Politiker aller Regierungsparteien auf die bevorstehende Podiumsdiskussion vorbereiten. „Die SPD sieht heute aber mal besonders gut aus“ schmunzele ich gerade in Amandines Richtung, als der vermeintliche Politiker aufsteht und sich kurz vorstellt. Er ist Ali Ahmad, der Moderator der heutigen Diskussion. Er wollte sich nur kurz setzen, bevor es richtig losgeht. In charmanter Art beginnt er die Diskussion, stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, fasst zusammen, schlichtet, leitet über und witzelt mit dem Publikum und seinen Gästen. In der ersten Pause diskutiere ich mit meinen französischen Freundinnen nicht über Politik, sondern über Männer. Amandines Favorit ist der kurzhaarige Kameramann, während sich Aïtana mit ihrem Banknachbarn angefreundet hat. „Und dein Typ ist ja Mega der Moderator, oder?“ grinst Amandine, als sie „und er schaut dich auch die ganze Zeit schon so an“ hinzufügt. „Aber ich hab doch einen Freund“ antworte ich lachend, muss aber trotzdem zugeben, dass seine souveräne Art und seine dunklen Augen meine Sympathie geweckt haben. Er wirkt wie ein ausgebildeter Entertainer, obwohl er, wie alle anderen hier auch, „nur“ Student der Landwirtschaft ist. Ich frage mich, wie er zur Landwirtschaft kommt.

Einige Tage später fällt mir diese ganze Situation wieder ein und ich beginne, nur spaßeshalber, seinen Namen in der Suchmaschine einzugeben. Sofort komme ich auf sein Facebook Profil, das aussieht, als wäre es von Social Media Beratern eingerichtet worden. Sein erstes Profilfoto: Business. Das Zweite: Business lächelnd. Das Dritte: ein Foto von ihm, umringt mit hunderten armen Kindern, irgendwo in Zentralafrika. Die nächsten Fotos zeigen seine Liebe zu Tieren: Er auf einem Pferd reitend, er mit drei Hunden. Daraufhin folgen Fotos mit seiner Familie, Fotos von Konferenzen in Tokio auf denen er Reden hält, Fotos mit Freunden, in der Oper. Nach ein paar weiteren Klicks weiß ich, dass er fünf Sprachen spricht, Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahlen ist und sich in der Entwicklungshilfe engagiert. Fehlt nur noch, dass er Spitzensportler ist murmele ich schmunzelnd, in der Hoffnung, auf wenigstens eine Schwäche seiner Persönlichkeit zu stoßen. Doch das nächste Foto zeigt ihn bei einem Marathonlauf.

Ich bin angewidert.

Ich kenne das Instagram Phänomen, dass man oft neidisch auf all die perfekt geschminkten, durchgestylten Frauen ist, die gefühlt die Hälfte ihres Lebens auf den Malediven verbringen, zusammen mit ihren perfekten Freunden und ihrem perfekten Partner. Ich wusste, dass man solche Fotos nie für voll nehmen darf, dass vieles gestellt, geschönt und bearbeitet ist. Erst letzte Woche habe ich zufällig eines meiner Instagram Idole bei Zara gesehen und konnte erleichtert feststellen, dass sie in Wirklichkeit genau so schlechte Haut hat wie ich. Aber wie ist das mit Persönlichkeiten? Wie bearbeitet können Fähigkeiten, Erfolg und soziales Engagement sein? Es gibt keinen Filter für Fleiß oder einen Weichzeichner für schlechte Noten. Natürlich ist seine engagierte Persönlichkeit auf seinen Social Media Kanälen besonders gut präsentiert. Doch sie ist immer noch authentisch. Und so beginnt sich mein anfängliches Bild von dem sympathisch, gut aussehenden Moderator zu verändern. Ich fühle mich nicht mehr angezogen, sondern abgestoßen. Du denkst du bist umweltbewusst, weil du Bio Eier aus der Region kaufst? Er hat sich einen eigenen Hühnerstall gebaut und züchtet seine Hennen selbst. Du gehst gerne joggen? Er läuft einen Marathon und rettet danach noch schnell die Welt. Seine Streberhaftigkeit zeigt mir nur, wie unzufrieden ich mit meiner eigenen Persönlichkeit bin.

In den ersten Tagen nach dieser Erkenntnis war ich von dem Gedanken an ihn angekotzt. Aber wie immer versuche ich, aus dieser Wut etwas Konstruktives zu machen. Mir ist bewusst, dass ich nie mit jemandem wie ihm befreundet sein könnte, aber ich kann ihn mir als Vorbild nehmen. Und diesmal ist er ein richtiges Vorbild. Kein Instagram Model, das seine Pickel auf der Stirn retuschiert und sich mit einer Bearbeitungsapp nachträglich die Zähne aufhellt. Hier geht es um etwas entscheidenderes. Um Persönlichkeit.

Und seit dieser Erkenntnis hängt ein kleiner Zettel neben meinem Schreibtisch. Beim Gedanken daran muss ich schmunzeln, doch er motiviert mich jedes Mal. What would Ali do? steht darauf und tritt mir jedes Mal in den Arsch, wenn ich nur so vor mir herlebe, während ich eigentlich etwas wichtiges tun sollte. So wie zum Beispiel diesen Text hier zu schreiben. 

Dienstag, 10. April 2018